Sale!

Wolfgang Kirchbach: Das Leben auf der Walze

2,49 0,00

Description

Leseprobe

Während unser Held am Nachmittage im milden Sonnenscheine auf der Landstraße nach der einsamen Herberge zurückschlenderte, dachte er mit einer gewissen Genugthuung über sein Unternehmen nach. Er malte es sich mit lebhaften Farben aus, wie er nach reichlichen Studien an Ort und Stelle in der Lage sein werde, ein gehaltreiches, vielleicht epochemachendes Werk zuschreiben. Er erinnerte sich, wie viele Auflagen das Werk eines Mannes erlebt hatte, der in ähnlicher Weise unter die Arbeiterschaft gegangen war, und meinte, daß die Kreise, deren volkswirtschaftliche Erforschung er sich vorgesetzt hatte, die Teilnahme nicht nur gelehrter Leute und der Staatsmänner finden, sondern auch in der großen, allgemeinen Leserschaft viele Neugier erwecken würden. Er sah im Geiste die Druckerpressen in ununterbrochener Thätigkeit, neue Auflagen seines Zukunftsbuches fertig zu stellen und begann im Stillen nachzurechnen, wie viele tausende von Markstücken aus einem so zweifellosen Buchhändlererfolg in seine Tasche fließen würden. Es war natürlich, daß diese Markstücke sich mehrten und mehrten, während gleichzeitig die Hoffnungen auf eine Professur in Berlin zusehends eine bestimmtere Gestalt annahmen. Er verfolgte diese verlockenden Gedanken des weiteren, verglich seine gegenwärtige Studierstube, die er als einfacher Privatdocent bewohnte, mit der großen Wohnung im Westen Berlins, die er dann, als Professor und Verfasser eines großen und wichtigen Werkes nehmen würde, und stattete sie in Gedanken mit jeder Behaglichkeit eines seinen Hauswesens aus. Sein Studierzimmer, seine Bücherei bekleidete er im Stile der Renaissance mit eichenholzenen Schränken und guten persischen Teppichen. Das Speisezimmer erhielt neben der Tafel und mehreren Pfühlen, die an den Wandecken angebracht waren, einen großen Tellerschrein für die Anrichtung der Mahlzeiten, die er zu geben dachte. Denn ein Haus wollte er auf alle Fälle machen, die Spitzen der Wissenschaft, Kunst und Litteratur sollten bei ihm verkehren, bei ihm, der eine Merkwürdigkeit schon durch die Erzählungen war, die er von seinem Leben als Fechtbruder machen konnte. Ein hübsches Empfangszimmer stattete er mit blauseidenen Buhlmöbeln aus und unwillkürlich sah er neben seinem Studierzimmer ein behagliches Frauengelaß mit einem Erker, worin eine Ampel hinter bunten Glasscheiben herabhing und eine stattliche, brünette junge Frau saß – ach, Emma, süßestes aller Mädchen! Meine Braut, meine Freundin, meine Gefährtin, meine Herzallerliebste. Sähest du mich jetzt auf der einsamen Landstraße einherwandern, wie ich an dich denke und alle meine Gedanken zu dir eilen!
Der Wanderer, ganz in diesen hoffnungsvollen Träumen versunken, war auf der Landstraße in den Wald hineingeschritten und, um noch ein Weilchen diesen freundlichen Bildern ungestört nachzuhängen, bog er von der Straße ab in den Wald hinein, setzte sich hinter dem Stamme einer großmächtigen Buche, die eben zu grünen begann, ins Gras und pflückte die Anemonen und Himmelsschlüssel. Und indem er sich wiederholt seinen behaglichen Zukunftshausstand ausmalte, wie er ihn gemeinsam mit der Braut einzurichten gedachte, die er heiraten wollte, sowie das Buch vollendet sei, mußte er lachen, indem er seinen gegenwärtigen Zustand betrachtete und die Komödie, die er als reisender Handwerksbursche spielte. Er konnte es nicht lassen, er mußte seinen Taschenspiegel aus dem Rocke ziehn und blickte hinein, um sein verwandeltes Bildnis des näheren zu betrachten. »Na, originell genug sehe ich ja wohl aus. So so! – Also Hans Finke heiß ich. –« Er nickte ganz leise in den Spiegel hinein, in dem er sein verwahrlostes, bartgefärbtes Gesicht und darüber den Buchenwipfel, vom Himmelsblau überwölbt, abgespiegelt sah, und dachte lächelnd: »Habe die Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen, mein Herr. Mein Name ist Dr. Hans Landmann, Privatdozent und Schriftsteller für Vagabundentum. Wie gehts, Herr Finke? hoffentlich noch Wohnungen zu vermieten? Sie wissen doch, es saugt keinen Honig aus Blüten, es bildet kein Wachs, es summt nicht und schwärmt nicht, und doch nennen wir reisenden Handwerksburschen ein Bienchen, was niedlich ist. Sie sehen mir zwar ein wenig ruppig aus, Herr Finke, indessen, es freut mich doch, daß wir im ganzen ein Herz und eine Seele sind. Halten wir fest zusammen. Bedenken Sie, Herr Finke, daß, wenn Sie Ihre Sache gut machen, Sie an dem Erlös des Buches teilnehmen werden, das ich schreibe. Gestatten Sie, Herr Finke, Ihnen zu sagen, daß ich nicht einmal eifersüchtig auf Sie sein werde, wenn Sie Fräulein Emma den Hof machen neben mir. Mögen Sie auch aussehen wie Ruppert, der Bärenhäuter, Fräulein Emma wird Ihnen gewiß gern, wenn ich es nur wünsche, ein Kosestündchen gewähren und so die vielbesungene Verbrüderung des vierten Standes mit den besitzenden Klassen verwirklichen.«

Reviews

There are no reviews yet.

Be the first to review “Wolfgang Kirchbach: Das Leben auf der Walze”

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.