Wells, Herbert George – Jenseits des Sirius

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Wir haben uns hier mit einer Utopie zu beschäftigen, sie zuerst im kleinen deutlich und wahrscheinlich zu machen, dann die Welt als Ganzes uns in einem solch glücklichen Zustand vorzustellen. Wir haben dabei etwas im Auge, das zwar gewiß nicht unmöglich, jedenfalls aber von heute auf morgen nicht durchführbar ist. Dazu müssen wir uns von der beharrlichen Betrachtung der Gegenwart eine Zeitlang ganz abwenden, um unsern Blick zu richten in die freieren und weiteren Gebiete des in der Zukunft noch Möglichen, auf den Entwurf eines beachtenswerten Gemeinwesens, auf die Gestaltung eines Bildes, das unsere Phantasie von jenem Leben vorzeichnet, das nach der Vorstellung wohl möglich und des Lebens mehr wert wäre als unser jetziges.

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Aber mein Freund und seine große Not lenken meinen Geist wieder ab von diesen Fragen der Fortbewegung und von den Freiheiten, die sich daraus ergeben. Unwillkürlich lege ich mir seinen Fall zurecht. Er liebt, er ist ein konventioneller Anglikanischer Liebhaber, und man könnte meinen, sein Herz wäre in der reinlichen, aber beschränkten Schulstube der Frau Wood ausgebildet worden …
Bei den Utopiern wird man wohl mit kräftigeren Schwingen fliegen, und nicht nur die äußere Bewegung wird leicht und frei sein, man wird sich höher erheben und steiler niederstoßen, als er es sich vorstellen kann in seinem Käfig. Wie weit werden sie gehen, bis an welche Grenzen? Welche Mißklänge zu unsern Vorurteilen werden wir hier vernehmen, er sowohl als ich?
Meine Gedanken fließen frei und leicht wie nach einem erfolgreichen Tage. Sie schweifen, während wir schweigend unserm Gasthof zuwandern, von einer Überlegung zur andern im Bereich der grundlegenden Dinge des persönlichen Lebens und aller Verwicklung der Begierden und Leidenschaften. Meine forschenden Fragen wenden sich den schwierigsten aller Kompromisse zu: wie nämlich durch die Ehegesetze die Freiheit plötzlich entstehender Neigungen in Schranken gehalten wird? wie man wohl die Gerechtigkeit in Einklang bringen könne mit dem Schutze zukünftiger Güter, die durch solch heftige Leidenschaften in Gefahr kommen? Wohin neigt sich hier die Wage der Freiheiten? Ich lasse alles Utopisieren eine Zeitlang ganz beiseite und stelle die Frage, deren Beantwortung auch Schopenhauer schließlich vollständig mißglückt ist: warum unser Wille zuweilen so heftig auf quälende, zwecklose und verderbliche Dinge gerichtet ist?
Von diesem aussichtslosen Blick in die Tiefen kehre ich zurück zu der allgemeinen Frage über die Freiheiten unter jenen neuen Verhältnissen. Den Fall meines Botanikers habe ich weit beiseite gelassen und beschäftige mich mit der Frage: wie weit wird sich eine moderne Utopie um die persönliche Moral kümmern?
Wie vor langer Zeit schon Plato nachwies, lassen sich die Grundsätze für eine Staatsaufsicht über die persönliche Sittlichkeit am besten erörtern an dem Fall der Betrunkenheit, da dieser unter der ganzen Problemreihe den Fall darstellt, der am wenigsten Zusammenhang und Verwicklung zeigt. Wenn aber Plato die Frage so behandelte: wem ist der Wein gestattet und wem nicht? so kann dies angehen für einen kleinen Staat, in dem jeder den andern tatsächlich beaufsichtigen kann; für moderne Verhältnisse muß es aber außer Betracht bleiben, weil wir hier ein außerordentlich viel höheres Maß persönlicher Abschließung haben und so weit und so viel wandern, wie es der Akademiker sich nie hätte vorstellen können. Nehmen wir sein Prinzip an und rechnen wir die Freiheit des Weingenusses unter die ausgesprochenen Vorrechte des reifen Alters, so bleibt doch alles, was ein moderner Mensch unter der Alkoholfrage verstände, noch unberührt.
Diese Frage wird in Utopien so behandelt werden, daß nur das Verhältnis ihrer Faktoren ganz anders aufgefaßt wird, als bei uns. Das zu erstrebende Endziel bleibt: die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sitte, die Zurückführung der Gelegenheiten, die immer wieder diese üble und verderbliche Gewohnheit erzeugen, auf die geringste mögliche Zahl, und der vollständige Schutz der Minderjährigen. Da aber die modernen Utopier ihre Soziologie vollkommen ausgebildet haben, so werden sie der Psychologie der niedern Beamten einige Aufmerksamkeit geschenkt haben, einer Sache, die von den sozialen Reformern der Erde gar zu sehr vernachlässigt worden ist. Man wird nicht in die Hände eines einfachen Polizisten mittelbar oder unmittelbar eine Macht legen, die dem Publikum selbst in den Händen eines Richters gefährlich wäre. Und man wird den ungeheuern Fehler vermieden haben, die Beaufsichtigung des Alkoholhandels zu einer Quelle öffentlicher Einnahmen zu machen. Man dringt nicht in Privaträume ein, beschränkt aber den öffentlichen Alkoholgenuß unbedingt auf besondere konzessionierte Orte und die Abgabe der Getränke auf die unverkennbar Erwachsenen. Die Verführung der Jugend wird ein schweres Vergehen bilden. Bei einem so wanderlustigen Volk müßten die Gasthaus- und Schankkonzessionen derselben Aufsicht unterstehen wie die Eisenbahnen und Landstraßen. Gasthäuser sind für den Fremden da, nicht für den Einheimischen, und etwas so Sinnloses wie unsere Konzession nach dem örtlichen Bedürfnis gibt es dort nicht.
Die Utopier werden dieses Gewerbe sicherlich unter Aufsicht stellen und ebenso gewiß persönliche Ausschweifungen bestrafen. Öffentliche Trunkenheit (im Unterschied von der bloßen gehobenen Stimmung nach einem maßvollen Genuß edlen Weines) wird ein Vergehen gegen die öffentliche Sitte bilden, das sehr kräftig gefaßt wird. Natürlich wird sie bei Verbrechen einen erschwerenden, keinen mildernden Umstand bilden.
Ich zweifle aber, ob der Staat darüber hinausgehen wird. Ob ein Erwachsener Wein, Bier oder Spirituosen genießen soll, das geht, scheint mir, einzig seinen Arzt und sein eigenes Gewissen an. Vermutlich werden wir auf unsern Entdeckungsreisen keinen Betrunkenen, wahrscheinlich aber viele treffen, die von ihrer Freiheit als Erwachsene nie einen Gebrauch machen. Man wird in Utopien die Voraussetzungen des äußeren Glücksgefühls besser verstehen, es wird sich dort lohnen, behaglich zu sein, und der verständige Bürger wird dafür aufmerksam Sorge tragen. Die Hälfte, ja mehr als die Hälfte aller Trunkenheit auf Erden ist ein Versuch, düstere Tage und ein hoffnungslos getrübtes, freudeloses Leben aufzuheitern, aber in Utopien leiden sie unter all dem nicht. Gewiß werden die Utopier mäßig sein und äußerst vernünftig sowohl im Essen als im Trinken. Aber ich glaube nicht, daß Wein und Bier oder guter alter Whisky, gelegentlich auch ein anregender Likör bei ihnen ganz fehlen. Ich kann das nicht glauben. Mein Botaniker, der gar keinen Alkohol trinkt, ist andrer Meinung. Wir sind hier verschiedener Ansicht und überlassen die Frage dem ernsten Leser. Ich hege die größte Achtung vor allen Abstinenzlern, vor den Hassern und Verfolgern der Schankwirte, ihr Eifer für die Reform weckt ein Echo in mir, und von solchen Leuten erwarte ich einen großen Teil der dringend notwendigen Besserung unserer Erde; aber trotz alledem …
Burgunder, zum Beispiel, eine Flasche milden, lieblichen Burgunders, gießt Sonnenschein über die Mahlzeit, wenn vier Stunden angestrengter Arbeit uns über die Zeit des besten Appetits hinausgeführt haben. Oder Bier, ein schäumendes Glas Bier als Vorspiel, wenn man zehn Meilen strammen Marsches in Regen und Schmutz hinter sich hat, und darauf gutes Brot, gute Butter und reifen, lockeren Käse mit Sellerie – und wieder Bier, Bier in nicht allzusehr begrenzter Menge. Oder was wäre Sündhaftes daran, wenn man drei-, vier- oder auch fünfmal im Jahre, zur Zeit, da die Walnüsse reifen, ein Glas rotbraunen Portweins trinkt? Wenn man keinen Portwein trinkt, wozu sind dann die Walnüsse da? Solche Genüsse halte ich für den Lohn langer Abstinenz, sie rechtfertigen den breiten, unbefleckten Rand, der sonst ein nie benützter, zweckloser Teil des Gaumens wäre, den doch Gott uns gab! Ich schreibe über diese Dinge als ein fleischlicher Mensch, ein offen und wissentlich fleischlicher Mensch und diesmal besonders bewußt, daß ich irren kann. Ich kenne mich selbst als ein grob ausgefallenes Geschöpf, das mehr zu sitzender Weltverbesserung neigt als zu lebhaftem Handeln und kein Zehntel so tatkräftig ist als der stumpfsinnigste Zeitungsjunge der Großstadt. Aber ich habe meine festen Gewohnheiten, wenn sie auch in der Einförmigkeit meines Lebens nicht hervortreten, und ich muß immer wieder fragen: weshalb sollten wir das Talent zu jenen genußfrohen Empfindungen ganz begraben? Unter keinen Umständen kann ich mir vorstellen, daß die Utopier ihre schöne Lebensordnung auf alkoholfreiem Bier und Limonade begründen. Diese schrecklichen Temperenzgetränke, verdünnte Zuckerlösungen, mit ungeheuern Mengen von Kohlensäure vermischt, wie Soda, Selters, Limonade und Feuerlösch-Granaten – man nennt solches Zeug »Mineralwasser« – blähen einen Menschen mit Wind und Einbildung auf. Wahrhaftig so ist‘s! Kaffee schadet dem Gehirn und den Nerven, diese Tatsache wird in ganz Amerika allgemein erkannt und verkündet; und Tee, abgesehen von einer Sorte grünen Tees, den man am besten mäßig dem Punsch zusetzt, gerbt die Eingeweide und verwandelt anständige Mägen in Ledersäcke. Lieber wollte ich mich gleich metschnikoffen 4 und mir einen guten, sauberen Magen aus deutschem Silber machen lassen. Nein! Wenn wir in Utopien kein Bier haben sollen, so gebe man mir das einzige reinliche Temperenzgetränk, das wert ist, neben den Wein zu treten: einfaches Wasser. Am besten solches, das nicht ganz rein ist und eine Spur organischer Stoffe enthält, denn so schmeckt und perlt es.
Mein Botaniker möchte noch streiten.

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