Wells, Herbert George – Hoffnung auf Frieden

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Unsere Zivilisation ist im wesentlichen ein Geld- und Kreditsystem, das abhängt vom allgemeinen Zutrauen zu dem Werte des Geldes. Jetzt aber verrät und betrügt uns dieses Geld. Wir arbeiten um Lohn und man gibt uns unsichere Papiere. Niemand wagt mehr lange Verträge zu schließen, niemand kann bestimmte Abkommen über Lohnverhältnisse treffen, niemand weiß, was 100 Dollars oder Franken oder Pfunde in zwei Jahren wert sein werden.

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Rüstungen: Die Nutzlosigkeit einer bloßen Beschränkung

Washington, den 8. November
Es scheint an den besonderen Umständen zu liegen, unter denen die Konferenz von Washington zusammengetreten ist, daß sie ihre Verhandlungen mit einer aussichtslosen Tätigkeit eröffnet hat, der Diskussion nämlich von Rüstungsbeschränkungen und gewissen Einschränkungen der Kriegführung, während die Staaten souverän bleiben und die Freiheit behalten sollen, Krieg zu führen, und als oberster Gerichtshof für endgültige und abschließende Entscheidung internationaler Streitigkeiten nur der Krieg besteht.
Eine ganze Anzahl von Leuten scheint wirklich zu glauben, daß die einzelnen Staaten noch weiter souverän und unabhängig voneinander bleiben können wie die wilden Tiere im Dschungel, ohne allgemein gültige Regeln und allgemein anerkannte Gesetze, und daß es uns trotzdem gelingen werde, sie zu einer milden und abgeschwächten Kriegführung, nach rechtzeitig erfolgter vorheriger Ankündigung und unter Befolgung allgemein anerkannter Spielregeln, zu veranlassen. Ein Komitee der Londoner Völkerbundsvereinigung z.B. hat ganz ernstlich darüber debattiert, ob der Gebrauch giftiger Gase und das Versenken neutraler Schiffe bei einer Blockade erlaubt sein solle oder nicht, und ob alle »modernen Errungenschaften« in der Kriegführung nicht abzuschaffen seien. »Die Möglichkeit, geheime Vorbereitungen und den Vorteil der Überrumpelung zu verhindern, wurde auch erörtert.« Als ob der Krieg ein Spiel wäre!
Es ist wirklich schwer, in angemessener Weise über ein derartiges Vorhaben zu sprechen. Man ist eher geneigt, noch weitere ähnliche Mittelchen vorzuschlagen. Zum Beispiel, daß keine Feindseligkeiten zu erlauben seien, außer in Gegenwart eines Schiedsrichters der Völkerbundsvereinigung, der deutlich an einem auf Brust und Hosen zu befestigenden roten Kreuz erkennbar sein müßte und der ferner – mit Rücksicht auf die Luftschiffahrt – einen ebenso markierten offenen Sonnenschirm zu tragen hätte. Er müßte im Besitz einer schrillen Pfeife oder kleinen Trompete sein, die über dem Lärm moderner Artilleriewaffen vernehmbar bliebe, und alle militärischen Operationen hätten sofort aufzuhören, wenn sein Pfiff ertönte. Jede Zuwiderhandlung gegen die von der Völkerbundsvereinigung festgesetzten Bestimmungen sollte bestraft werden gemäß der Schwere des Vergehens. Die Strafen erstrecken sich von, sagen wir einem einstündigen Bombardement einer Position des Delinquenten bis zu einem der gesamten Streitmacht des Feindes durch den Schiedsrichter erteilten Verweis und Ausweisung aus dem Felde. Sollte jedoch eine der kriegführenden Parteien den Krieg auf ungesetzlichem Wege gewinnen, so müßte man vorher ausmachen, daß die betreffende Partei sich einem schimpflichen Frieden zu unterwerfen habe, und zwar so, als ob sie den Krieg verloren hätte.
Unglücklicherweise ist der Krieg kein Spiel, sondern grimmiger Ernst, und es gibt keine Macht auf Erden, welche ein Volk, das mit einem anderen um seine Existenz kämpft, verhindern könnte, nach jedem Mittel zu greifen, sei dieses auch noch so unritterlich, grausam oder barbarisch, wenn es dadurch den Sieg erringen oder die Niederlage abwenden kann. Der Erfolg rechtfertigt im Krieg jedes Mittel, das läßt sich nicht ändern. Eine Nation, welche die Hoffnung hat zu siegen und sich dann mit dem Gegner wieder vertragen will, oder die sich um die anerkennende Zustimmung irgendeiner neutralen Macht bewirbt, kann sich wohl gelegentlich wirksamer, aber verpönter Mittel enthalten; das ist aber eine freiwillige und strategische Beschränkung. Die Tatsache bleibt bestehen, daß der Krieg ein letztes und unbegrenztes Auskunftsmittel ist; ein Krieg, der beaufsichtigt werden kann, hätte auch aufgehalten oder verhindert werden können. Wenn es unserem Geschlechte wirklich gelingen sollte, die Verwendung giftiger Gase zu verhindern, so kann es den Gebrauch jeder Art von Waffe verhindern. Es ist in der Tat leichter, den vollkommenen Frieden zu erzwingen, als irgendeine geringfügige Einschränkung des Krieges.
Es wird eingeworfen, daß, wenn alle Staaten sich zuvor verpflichten, keinerlei Vorbereitungen für bestimmte Arten der Kriegführung zu treffen, oder wenn sie sich entschließen, ihre Land- und Seerüstung auf ein Minimum zu reduzieren, dies äußerst wirksame Vorbeugungsmittel gegen Übertretungen wären und in Zeiten nationaler Erregung den Kriegsausbruch verhindern könnten. Das einzige, was sich gegen diesen ausgezeichneten Vorschlag sagen läßt, ist, daß keine Macht, welche im Besitz von Wünschen oder Rechten ist, die ihrer Meinung nach nur im Kriege befriedigt oder verteidigt werden können, sich jemals ehrlich auf einen derartigen Abrüstungsvertrag einlassen wird.
Natürlich werden Staaten, welche die Absicht haben, einen Krieg zu führen, und keine ernsthafte Absicht haben, abzurüsten, gern an Abrüstungskonferenzen teilnehmen. Sie werden dies erstens wegen des hohen propagandistischen Wertes einer solchen Teilnahme tun, dann vor allem auch wegen des möglichen Vorteils, welchen ihnen eine etwaige Beschränkung gewähren kann, die imstande ist, den Feind weit mehr als sie selbst zu hindern. Japan z.B. würde wahrscheinlich sehr zufrieden sein, seine militärischen Ausgaben auf ganz geringfügige Summen herabzusetzen, wenn die Vereinigten Staaten die ihrigen gleichfalls auf dieselbe Summe herabsetzten, weil die Kosten der Unterhaltung eines aktiven Soldaten in Japan sehr viel geringer sind als in Amerika; noch bereitwilliger würde es darauf eingehen, seine Seerüstungen auf Schiffe mit einem Aktionsradius von 2000 Meilen oder weniger zu beschränken, weil ihm dies freie Hand in bezug auf China und die Philippinnen gewähren würde. Ein derartiges Feilschen fand vor dem Weltkriege zeitweise zwischen Deutschland und England im Haag statt. Keine Partei glaubte an die Friedensabsichten der anderen. Keine sah in diesen Verhandlungen irgend etwas anderes als strategische Maßnahmen. Wie die Dinge in Europa lagen, wäre es auch schwierig gewesen, etwas anderes darin zu sehen.

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